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Rezension

   
Emmy Noether – The Mother of Modern Algebra
Emmy Noether – The Mother of Modern Algebra

M.B.W. Tent
A K Peters (2008), xvi+177 Seiten, 21,99 €
ISBN: 978-1-56881-430-8
   

Es ist schon verdienstvoll, wenn man Bücher über die Mathematik oder Mathematiker für ein jüngeres Publikum schreibt. Noch verdienstvoller ist es, wenn sich diese Bücher an Mädchen wenden und deren Interesse an Mathematik zu wecken verstehen und das vorliegende kleine Büchlein ist genau dieser Kategorie zuzuordnen. Die Person Emmy Noethers eignet sich wohl auch ganz besonders, Mädchen anzusprechen, denn ihr Weg durch die deutsche Universität(sbürokratie) im 19ten und 20sten Jahrhundert war belastet durch die simple Tatsache, dass Noether eine Frau war. Sie erhielt bis zu ihrer Ausreise 1933 nach den USA kein Ordinariat – nur Männern traute man das zu. Dabei begann Emmys Leben schon sehr vielversprechend, kam sie doch als Tochter des Mathematikprofessors Max Noether im Jahr 1882 in Erlangen zur Welt.

Mit Emmys Kindheit beginnt denn auch Tents herausragende kleine Biographie über Emmy Noether, die aus zwei frei gemischten Elementen besteht: fiktive Gespräche und tatsächliche Vorkommnisse. Puristen sei gleich gesagt, dass es immer klar erkennbar ist, ob ein fiktives Gespräch stattfindet (das so oder so ähnlich tatsächlich hätte stattfinden können, denn Tent bleibt immer nahe an der Biographie) oder ob biographische Details geschildert werden. Beschrieben werden die Verhältnisse an der Höhere Töchterschule, in die Emmy im Alter von sieben Jahren eintrat, sowie die Familienverhältnisse und die Familiengeschichte. Emmy Noether erwies sich nicht als irgendein Mädchen ihrer Zeit – die typischen Handarbeiten erledigte sie unwillig und ohne großes Geschick, aber sie war an Mathematik stark interessiert, obwohl sie wusste, dass eine akademische Karriere nicht in Frage kam. Im Buch lässt uns Tent an dem folgenden Dialog teilhaben, der vom Vater begonnen wird:

„You are a girl. You could never be a mathematician. That is a life reserved for men. You will grow up to be a fine woman, like your mother, and you will spend your days cooking and sewing and bringing up children. You will have to leave serious academics to the men; that is the way it has always been.“ „I don’t see why I can’t be a mathematician too,“ Emmy said.

Die elterliche Wohnung muss für das interessierte Mädchen ein faszinierender Platz gewesen sein, denn ihr Vater konnte ihr nicht nur mathematische Fragen beantworten, sondern es gab auch regelmäßige Gäste am Familientisch zu begrüßen, zum Beispiel Paul Gordan. Ein „Abitur“ war für Mädchen nicht vorgesehen. Daher musste Emmy durch private Tutoren und den Besuch einiger Universitätsvorlesungen (dabei hatte sie als junge Frau um Erlaubnis zu fragen!) auf die Prüfung am Realgymnasium vorbereitet werden, die sie schließlich auch bestand. Aufgrund der Empfehlung ihres Vaters wandte sich Emmy nun an die Universität Göttingen. Vater Noether war bekannt, dass man in Göttingen im Vergleich zu anderen Universitäten Frauen gegenüber etwas aufgeschlossener war. Leider wurde Emmy bereits nach einem Semester krank und musste zurück nach Erlangen. Sie setzte dort ihre Studien hartnäckig fort, denn nun hatte auch die dortige Universität das Frauenstudium zugelassen, und promovierte schließlich im Jahr 1907 bei Paul Gordan.

Direkt im Anschluss an die Promotion beginnt die einzigartige Arbeit Emmy Noethers in einem Gebiet, dass man noch vor 50 Jahren Moderne Algebra nannte, das aber heute zum Kerngebiet der Algebra zählt. Sie kehrt als Dozentin nach Göttingen zurück und fesselt bald eine ganze Gruppe von Studenten (die berühmten „Noether-Jungens“). Tent beschreibt ganz wunderbar das Leben Noethers in Göttingen – besonders der Noethersche Dr. Oetker-Pudding verdient Aufmerksamkeit. Erst im Jahr 1922 wird sie in Göttingen zum Extraordinarius gemacht, womit keinerlei Bezüge verbunden waren (die Göttinger Mathematiker arrangierten einen kleinen Ausgleich).

Als die Nazis an die Macht kommen, ist Emmy Noether bereits einer der Mathematischen „Stars“ in Göttingen, was ihr leider nicht geholfen hat. Obwohl sie und ihr Vater bereits im Jahr 1920 vom jüdischen zum protestantischen Glauben konvertierten, wurde sie am 13. April 1933 mit einigen anderen aus dem Kollegium vom Dienst suspendiert. Sie verließ Deutschland, als sie eine Stelle am Frauencollege von Bryn Mawr in Pennsylvania erhielt. Dort starb sie wenige Tage nach einer einfachen Operation im Jahr 1935.

Margaret Tent hat eine herausragende kleine Biographie über Emmy Noether vorgelegt, die man durchaus auch erwachsenen Frauen und Männern nur empfehlen kann. Der Verlag hat das Buch hervorragend ausgestattet und nur an einer einzigen Stelle (Seite 112 unten) habe ich einen winzigen Satzfehler gefunden: Nach dem Zitat von van der Waerden muss der Text ab „Although Emmy . . .“ wieder im normalen Satz erscheinen. Ich kann dieses Buch wirklich jedem empfehlen, ob an Biographien interessiert oder speziell an Emmy Noether. Das Englisch ist so gehalten, dass man es auch deutschen Schülerinnen und Schülern ab Klasse 10 anbieten kann.

Rezension: Thomas Sonar, Braunschweig

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, September 2009, Band 56, Heft 1, S. 252
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags