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Rezension

   
Titel
6000 Jahre Mathematik
Eine kulturgeschichtliche Zeitreise -
Band 1: Von den Anfängen bis Leibniz und Newton

Hans Wußing
Springer Verlag, 2008, 29,95 EURO, 529 Seiten
ISBN: 3-540-77189-1
   

Das Jahr 2008 ist deutschlandweit das Jahr der Mathematik. Zu diesem Anlass hat der Springer-Verlag eine Geschichte der Mathematik mit dem Titel "6000 Jahre Mathematik - Eine kulturgeschichtliche Zeitreise" veröffentlicht. Das zweibändige Werk erscheint in der Reihe Vom Zählstein zum Computer, in welcher bereits die beiden Bände "4000 Jahre Algebra" und "5000 Jahre Geometrie" veröffentlicht wurden.
In dem ersten vorliegenden Band "Von den Anfängen bis zu Leibniz und Newton" wird versucht, die Entwicklungen in der Mathematik seit ihren Anfängen bis ins 17. Jahrhundert darzustellen. All dies geschieht in acht Kapiteln auf etwa 500 Seiten. Da ist es nachvollziehbar, dass viele Darstellungen stark gekürzt und ebenso viele auch ganz weggelassen werden mussten. Trotz alledem gelingt es Hans Wußing eine enorme Menge an Informationen auf eine sehr interessante, nie langweilige Weise zu präsentieren. Ein umfassendes Literaturverzeichnis hilft, ausgewählte Themen bei Interesse näher zu beleuchten. Allgemein ist die Gestaltung des Buches mit vielen Bildern, Graphiken und mathematischen Briefmarken sehr zu loben. Dem Springer-Verlag ist ein außergewöhnliches Buch zu einem sehr guten Preis gelungen.
Gegliedert ist das Buch zunächst nicht konsequent chronologisch, sondern eher geographisch. So wird im ersten Kapitel die Mathematik der präkolumbianischen Kulturen Süd- und Mittelamerikas und im zweiten die Entwicklung mathematischer Wissenschaften in den asiatischen Kulturen Chinas, Japans und Indiens bis ins 16. Jahrhundert, im Falle Japans sogar bis ins 19. Jahrhundert, beleuchtet.
Auch die Kapitel 3-6 sind eher geographisch eingeteilt, wobei die Darstellung in diesem Fall mit einer chronologischen zusammenfällt. So wird die Mathematik im Vorderen Orient, d.h. in Ägypten und Mesopotamien (Kapitel 3), in griechisch-hellenistischer Zeit (Kapitel 4), in den Ländern des Islam (Kapitel 5) und im europäischen Mittelalter (Kapitel 6) vorgestellt. Abgeschlossen wird dieser erste Band durch die beiden Kapitel Mathematik während der Renaissance (Kapitel 7) und Mathematik während der Wissenschaftlichen Revolution (Kapitel 8). An dieser Stelle wird also zu einer rein chronologischen Darstellungsweise übergegangen, welche sich in Band 2: "Von Euler bis zur Gegenwart" fortsetzen wird, wobei gilt, dass zumindest in den Kapiteln 7 und 8 ausschließlich europäische Entwicklungen betrachtet werden.
Um ein paar Beispiele der interessant und aufschlussreich dargestellten Entwicklungen in der Mathematikgeschichte zu nennen, bietet sich beispielsweise die Schilderung der Etablierung des dezimalen Positonssystems im Indien des mittleren ersten Jahrtausends nach Christus an. Hier erfahren wir u.a., dass in einer Gwalior-Inschrift aus dem Jahre 870 das erste Null-Zeichen in Form eines Kreises nachgewiesen ist. Der Terminus für dieses Null-Zeichen kam aus dem indischen  sunya über den arabischen Begriff  sifr, als heutiger Ausdruck Ziffer in die europäischen, in diesem Fall die deutsche Sprache. Eben diese Übernahme des indischen Dezimalsystems durch die Araber und deren weitere Ausdifferenzierung gibt ihnen den heute bei uns geläufigen Namen der "arabischen Ziffern". Interessant zum Zahlbegriff ist auch ein Zitat von Juschkewitsch, welches auf Seite 253 zu lesen ist:
"Die Chinesen und Inder haben die negativen Zahlen eingeführt, die Mathematiker der Länder des Nahen und Mittleren Orients gelangten zum Begriff der reellen Zahlen, der sowohl die rationalen als auch die irrationalen positiven Zahlen umfaßt. Diese hervorragende theoretische Errungenschaft wurde in Europa an der Grenze des 16. zum 17. Jahrhundert bekannt, und zwar durch die Herausgabe einer Fassung der "Darlegung des Eukleides" des Nasir ad-Din at-Tusi in Rom ...(im Jahre 1594)."
Während also in der islamischen Welt die mathematischen Wissenschaften eine Blüte erlangten, war die europäische Position dieser heidnischen Wissenschaft gegenüber im frühen Mittelalter eher ablehnend, wie ein Zitat Tertullians (ca. 160-220) verdeutlicht:
"Wissbegier ist uns nicht nötig, seit Jesus Christus; auch nicht Forschung, seit dem Evangelium."
Bereits Augustinus (354-430) jedoch schreibt:
"Auch die Unkenntnis der Zahlen ist schuld, daß gar manche übertragene und geheimnisvolle Ausdrücke in der Heiligen Schrift nicht verstanden werden."
Hans Wußing schildert im Folgenden die Entwicklungen in Europa über das Hoch- und Spätmittelalter, die Gründung der ersten Universitäten bis zum Beginn der Renaissance, anhand der Geschichte verschiedener bedeutender Persönlichkeiten wie Albertus Magnus oder Roger Bacon.
Dabei gibt es eine Vielzahl anderer Entwicklungen, welche auch die Mathematik entscheidend beeinflussten. Diese stammen aus der neu aufkommenden verbesserten Buchhaltung, der Astronomie, der Baukunst oder auch der bildenden Kunst. Diese Entwicklungen werden hier mit vielen erklärenden Graphiken und hisorischen Abbildungen geschildert und unterlegt, wie beispielsweise Handzeichnungen von Copernicus zum heliozentrischen System oder Handzeichnugen von Leonardo da Vinci zu Größenverhältnissen am Kopf.
Im abschließenden Kapitel zur Mathematik während der Wissenschaftlichen Revolution, d.h. der Zeit vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts erfährt man dann u.a. einiges über die Gründung erster Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften, wie der Royal Society in London 1662 oder der Akademia Naturae Curiosorum 1672, aus welcher später die Leopoldina in Halle/Saale wurde. Ebenso wird die Entwicklung erster mechanischer Rechenhilfsmittel und Rechenmaschinen geschildert. Man findet beispielsweise die Beschreibung und Skizze einer Rechenmaschine von Schickard aus den Jahren 1623/24, sowie eine Abbildung der Pascaline, entwickelt um 1640/42 von Blaise Pascal, von der man lange Zeit annahm, dass es die erste Rechenmaschine überhaupt war.
All diese Beispiele sollen aber nur einen kleinen Geschmack auf die Vielzahl der spannenden Aspekte geben, welche Hans Wußing mit diesem Buch vorstellt. Ein absolut lohnenswerter Titel, sowohl für historisch, wissenschaftlich oder mathematisch Interessierte.



(Rezension: Jörg Beyer)