Differentialgleichungen
Es ist wohl jedem noch folgende Aufgabe bekannt:
Lösen Sie eine Gleichung nach der Unbekannten auf.
Schon in der Schule trifft man ständig auf solche Aufgaben.
Man berechnet Nullstellen, Extrempunkte oder Wendepunkte von Polynomen, gebrochen-rationalen Funktionen oder Ähnlichem.
Die Aufgabe liegt also darin, dass einem eine Funktion gegeben ist, und man diese nach der Unbekannten (meist wird diese mit x
bezeichnet) auflöst.
Bei den Differentialgleichungen sieht es ein wenig anders aus.
Hier ist die Aufgabe so gestellt, dass die Funktion f(x) aus einer Gleichung errechnet werden soll, in der eine oder mehrere ihrer
Ableitungen (f'(x), f''(x), usw.) vorkommen.
Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Gleichung f'(x) = f(x).
Es ist also die Funktion gesucht, deren Ableitung (d.h. deren Steigung) in jedem Punkt gleich dem eigentlichen Funktionswert ist.
Wie vielen bekannt sein wird, erfüllt dieses Kriterium nur die Exponentialfunktion, jedoch mit beliebigem Vorfaktor.
Alle Funktionen der Form f(x) = cex besitzen also die gewünschte Eigenschaft (erfüllen die Gleichung), wobei
c jede beliebige reelle Zahl sein darf.
Hier ist auch zu erkennen, dass eine Differentialgleichung nicht eindeutig lösbar sein muss, da es ja durch die verschiedenen Möglichkeiten für
c unendlich viele Lösungen gibt.
Gibt man zusätzlich zu der Differentialgleichung noch einen speziellen Punkt vor, soll z.B. f(0) = 1 sein, so erhält man statt den
unendlich vielen Lösungen f(x) = cex nur noch die eine f(x) = ex.
Ein solches Problem (eine Differentialgleichung und ein vorgegebener Punkt) bezeichnet man als "Anfangswertproblem".
Natürlich ist dies nur ein sehr einfaches Beispiel einer Differentialgleichung.
Andere Möglichkeiten wären auch Gleichungen der Form 5f'''(x)f'(x) - 2[f(x)''/f'(x)] = 17f2(x), oder ähnliche
Gleichungen mit beliebig vielen und beliebig hohen Ableitungen.
Dass man zu solchen Überlegungen und Gleichungen gelangte ist kein Zufall oder mathematische Spielerei.
Differentialgleichungen beschreiben viele Situationen in der Welt, gerade in der Physik.
Der freie Fall (Erdanziehung) beispielsweise wird durch f''(x) - g = 0 beschrieben, wobei g die Gravitationskonstante ist.
Auch die Flugbahn eines Satelliten, die Bewegung der Planeten um die Sonne oder schwingende Pendel werden durch Differentialgleichungen
beschrieben.
Doch spielen die Differentialgleichungen heutzutage nicht nur in physikalischen und technischen Systemen eine große Rolle, auch beschreiben
sie in der Biologie Wachstumsmodelle oder werden in den Wirtschaftswissenschaften zu Hilfe genommen um Wachstumszyklen zu modellieren.
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| Isaac Newton | Gottfried Leibniz | Jakob Bernoulli | Daniel Bernoulli | Leonhard Euler |
Zu unterscheiden sind auch zwei Arten von Differentialgleichungen:
Zum einen die "gewöhnlichen Differentialgleichungen".
Dies sind solche, bei denen die gesuchte Funktion nur von einer Variable abhängt, wie auch in unseren Beispielen.
Daneben gibt es jedoch auch die "partiellen Differentialgleichungen", bei denen die Funktion von mehreren Variablen abhängt.
Der Name ist ziemlich einleuchtend, da man bei Funktionen in mehreren Variablen ja auch nicht mehr von einer "Ableitung", sondern von
"partiellen Ableitungen" spricht, da unterschieden werden muss, nach welcher Variable denn differenziert (abgeleitet) wird.
Natürlich sind partielle Differentialgleichungen im Allgemeinen schwieriger zu lösen, als gewöhnliche, jedoch sind sie dadurch auch weitaus
aussagekräftiger und vielseitiger anzuwenden.
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| Joseph-Louis Lagrange | Carl-Friedrich Gauß | Augustin Cauchy | Carl-Gustav Jacobi | Karl Weierstraß |
Die Anfänge der Theorie der Differentialgleichungen fallen etwa in die Zeit der Begründung der Differential- und Integralrechnung durch
I. Newton (1643-1727) und
G. Leibniz (1646-1716) zu Ende des
17. Jahrhunderts.
Nachdem recht schnell nachgewiesen werden konnte, dass selbst einfache Differentialgleichungen nicht zwingend lösbar sein müssen, begann
man auch schon recht frühzeitig damit nicht nur Lösungen durch bekannte Funktionen auszudrücken, sondern versuchte Lösungen
vorgegebener Differentialgleichungen zu bestimmen, ohne dass deren Lösungen explizit bekannt waren. Man versuchte also die Lösungen allein
aus den Eigenschaften der Differentialgleichung zu bestimmen.
Im 18. Jahrhundert kamen dann Mathematiker wie
J. Bernoulli (1654-1705), der
Differentialgleichungen benutzte, um mit ihrer Hilfe die Planetenbahnen zu beschreiben oder
L. Euler (1707-1783), der wahrscheinlich einer
der bedeutendsten Mathematiker auf diesem Gebiet war.
Er erkannte als Erster die Rolle der Exponential-, Logarithmus- und trigonometrischen Funktionen für die Theorie.
Abgesehen davon entwickelte er neue Funktionen auf der Grundlage von Reihen, welche aus der Lösung bestimmter Differentialgleichungen
hervorgingen.
1728 benutzte dann D. Bernoulli
(1700-1782) Eulers Methoden, um Oszillationen und derartige Differentialgleichungen zu erforschen.
Der erste Mathematiker, der wirklich genug Theorie zur Verfügung hatte, um wirklich eine gründliche Analyse der Differentialgleichungen
vorzunehmen war J.L. Lagrange
(1736-1813), der auch die allgemeinen Gleichungen für Bewegungen dynamischer Systeme einführte.
Der nächste große Schritt war dann die Einführung von Funktionen mit
komplexen Variablen, was zu
großen Teilen von C.F. Gauß (1777-1855)
und A. Cauchy (1789-1857) bewerkstelligt
wurde.
Gauß erkannte, dass die Theorie der komplexen Funktionen einen wichtigen Schlüssel im Verständnis der Differentialgleichungen darstellte.
Cauchy lieferte eine komplette Theorie über Konvergenz unendlicher Reihen, welche für Lösungen von Differentialgleichungen eine wichtige
Rolle spielen sollten.
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| Rudolf Lipschitz | Sofia Kowalewskaja | Tolme Runge | David Hilbert | Ivar Fredholm |
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann weitere neue Methoden zur Lösung von Differentialgleichungen benötigt, welche mit Hilfe von den von C.G. Jacobi (1804-1851) bereitgestellten Theorien der Determinanten und Transformationen ermöglicht wurden. Diese entwickelten sich zu einem wichtigen Werkzeug. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es dann R. Lipschitz (1832-1903) Existenzaussagen über Lösungen von Differentialgleichungen erster Ordnung (dies sind Gleichungen in denen nur die erste Ableitung und keine höheren auftreten) zu entwickeln. Weiterentwickelt wurde die Theorie dann von S. Kowalewskaja (1850-1891) und K. Weierstraß (1815-1897) und im 20. Jahrhundert durch die Ergebnisse, welche von I. Fredholm (1866-1927) und D. Hilbert (1862-1943) erzielt wurden. Auch T. Runge (1856-1927) sollte hier noch erwähnt werden, da er als Erster effiziente numerische Verfahren zur Lösung von Differentialgleichungen entwickelte.
Interview mit Prof. Ecker
Beschreiben Sie bitte kurz das Gebiet der
Differentialgleichungen.
Differentialgleichungen spielen eine wichtige Rolle in vielen Gebieten
innerhalb und außerhalb der Mathematik. Diese sind Gleichungen welche
bestimmte Ableitungen einer Funktion in Beziehung zueinander setzen. Die
Wärmeleitungsgleichung verlangt zum Beispiel, das bei einer Funktion von Ort
und Zeit die Zeitableitung gleich der zweiten Ortsableitung ist. Die Aussagen
'Ein Objekt bewegt sich mit vorgegebener Geschwindigkeit oder Beschleunigung
durch den Raum' oder 'Eine Fläche im Raum hat konstante Krümmung' lassen sich
durch Differentialgleichungen formulieren.
Wie sind Sie zu diesem Gebiet gekommen?
Der Besuch von Vorlesungen in Analysis und Differentialgleichungen während
meines Studiums hat mich für das Gebiet der Differentialgleichungen
eingenommen.
Seit wann arbeiten Sie in diesem Gebiet?
Seit meines Studiums, also seit etwa 1980.
Was fasziniert Sie speziell an diesem Gebiet?
Die interessante Mischung aus teilweise sehr technischer (detailintensiver)
Mathematik und allgemeiner Lösungstheorie von Gleichungen (nichtlineare
Analysis) sowie die vielseitige Anwendbarkeit wie z.B. in der
Differentialgeometrie und Physik.
Wo liegen die Anwendungsmöglichkeiten in Ihrem Gebiet?
Zusätzlich zu den bereits erwähnten Anwendungen, spielen
Differentialgleichungen eine wichtige Rolle in anderen Naturwissenschaften wie
z.B. der Biologie und der Chemie sowie im Finanzbereich.
Was gibt es für Aussichten (Berufschancen)?
Außerhalb des Universitätsbereiches gibt es gute Berufschancen
vor allem bei Beratungsfirmen, bei Versicherungen und bei Banken. Allein drei
meiner ehemaligen Doktoranden kamen in Forschungsabteilungen bei Banken unter
sowie bei einer 'stock broking' Firma.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Ich arbeite auf dem Gebiet der geometrischen Evolutionsgleichungen. Dieses sind
partielle Differentialgleichungen, welche in etwa einer Wärmeleitungsgleichung
entsprechen. Die Wärmeleitungsgleichung beschreibt, wie eine anfänglich
ungleichmäßige Wärmeverteilung sich allmählich ausgleicht, wenn keine
äußeren Einflüsse mehr wirken. Bei geometrischen Evolutionsgleichungen wird
statt einer Wärmeverteilung eine geometrische Struktur 'ausgeglichen', dass
heißt, diese strebt in einem gewissen Sinne zu einer optimalen Struktur. Zum
Beispiel kann man so mit Hilfe einer Differentialgleichung eine relativ
beliebige Fläche in eine Fläche konstanter Krümmung, wie z.B. eine Sphäre
deformieren.
Arbeiten Sie normalerweise allein oder in Teams?
Das hängt von den Umständen ab. Ich arbeite viel alleine an mathematischen
Problemen, diskutiere aber auch gerne mathematische Probleme mit Kollegen. Oft
enstehen aus solchen Diskussionen dann gemeinsame Projekte.
Wie lange arbeiten Sie so an einem bestimmten Problem?
Das ist auch unterschiedlich. Manchmal kann es vorkommen, dass man jahrelang
über ein schwieriges Problem nachdenkt und man nur langsam Fortschritte macht.
Diese Investition an Zeit ist aber selten vergeblich. Nach einer längeren
Periode intensiver Beschäftigung mit einem Problem passiert es dann doch oft,
dass einem eine Lösungsmöglichkeit einfällt, wenn man am wenigsten damit
rechnet. Das sind dann sehr schöne Augenblicke für einen Mathematiker.
Gab es für Sie ein besonderes Ereignis auf diesem Gebiet?
Richard Hamilton hat Anfang der 80er Jahre eine geometrische
Evolutionsgleichung eingeführt, den so genannten Riccifluss für Metriken. Vor
etwa einem Jahr kündigte Grigori Perelman einen auf Hamilton's
Ricciflusstheorie basierenden Beweis der berühmten Poincaré Vermutung aus der
Topologie an. Dieser Beweis wird zur Zeit noch überprüft, aber es ist jetzt
schon klar, dass hierdurch völlig neue Beziehungen zwischen bisher relativ
verschiedenen Gebieten der Mathematik wie z.B. der Geometrie, Topologie,
Analysis und der Stochastik aufgezeigt wurden.
Was war für Sie das bedeutendste Ergebnis, wer der bedeutendste
Mathematiker im Gebiet der Differentialgleichungen?
Hier müsste ich eine sehr lange Liste anführen, die dann immer noch nicht
vollständig wäre.
Hier gibt es noch die Möglichkeit, sich über einige der oben vorgestellten Mathematiker und deren Leben auch auf Deutsch einen Überblick zu verschaffen:
Newton
G.W. Leibniz
J. Bernoulli
D. Bernoulli
Euler
Gauß
Hilbert
















